|
|
HAUPTSCHULE
AM
STOPPENBERG |
|
|
|
|
|
![]() |
![]() |
|
|
|
|
"Unter der Haut des Feindes" Auf der Bühne der einfachen Aula sitzt ein weißhaariger Mann, dessen Gesicht vom Leben gezeichnet ist. Über 270 Schüler der bischöflichen Hauptschule Am Stoppenberg in Essen schauen zu ihm auf. An den Seiten der Stuhlreihen stehen Lehrer und haben ein Auge auf ihre Schützlinge. Obwohl der Mann kleiner ist als die meisten Schüler, ist die Autorität, die er verströmt, deutlich spürbar. Die 13- bis 16-Jährigen, denen er seine Lebensgeschichte erzählt, hören schweigend zu. Nur ein paar wenige wagen es, zu flüstern. Sie bringt der 83-Jährige mit nur einem Blick zum Schweigen. Der alte Mann ist Salomon Perel. Er ist Jude und berichtet den Jugendlichen, wie er den Holocaust überlebte. „Unter der Haut des Feindes“, als Hitlerjunge Josef. Der Deutsche empfand seine Kindheit in seinem Heimatland als die „schönsten 10 Jahre“ seines Lebens. Die Auswirkungen des Hitlerregimes erlebte er nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 am eigenen Leibe. „Ich wurde zum Direktor meiner Schule geschickt. Dieser gab mir mit den Worten 'Juden lernen hier nicht!' ein Stück Papier in die Hand. Ich bin weinend nach Hause gerannt. Das war wohl das traumatischste Ereignis meiner Kindheit.“ Nachdem das Schuhgeschäft der Familie zerstört wurde, flohen die Perels nach Lodz in Polen. Doch auch dort war die Familie bald von den Nazis bedroht. Während die Eltern in das Ghetto der Stadt geschickt wurden, schickten sie ihre Kinder in ein sowjetisches Waisenhaus. Die Abschiedsworte von Perels Eltern scheinen die ganze Aula zu bewegen: „Meine Mutter sagte zu mir: Sally, mein Sohn, du sollst leben. Mein Vater legte mir jedoch ans Herz: Sally, vergiss nie wer du bist. Bleibe ein gläubiger Jude, nur dann wird auch Gott in dir bleiben.“ Bald wurde auch das Waisenhaus kurz vor der ost-preußischen Grenze vom Krieg bedroht. Bei seiner Flucht nach Minsk wird Sally Perel von deutschen Truppen gefangen genommen.
„Ich bin kein Jude, ich bin Volksdeutscher“, mit dieser Lüge rettete der
damals 16-Jährige sein Leben. Die Papiere und Ausweise, die seine wahre
Identität verraten konnten, vergrub er im Wald. Diese Lüge war einer der
entscheidendsten Augenblicke seines Lebens: „Welches Versprechen war
wichtiger, das an meine Mutter oder das an meinem Vater? Bis heute
beschäftigt mich meine Entscheidung, zu verheimlichen, dass ich Jude
bin. Ich bin der Meinung, dass das Recht auf Leben das Allerheiligste
ist, Leben sollte nicht geopfert werden.“ Die innere Zerrissenheit
dieses Augenblicks, der Entscheidung zwischen Mutter und Vater,
begleitet den 83-Jährigen bis heute. Den Jugendlichen in der Aula liest
er diese Passage aus seinem Buch vor. Sonst spricht er stets ruhig und
klar, berichtet mit eigenen Worten von seinen Erlebnissen. Durch den
Kontakt zu den Soldaten kam er schließlich in einer Schule der
Hitler-Jugend unter. Dort verbrachte er vier Jahre. „Für mich waren das
nicht vier Jahre, sondern vier Ewigkeiten. Ich hatte immer Angst,
entdeckt zu werden“, so Perel. Perels persönlicher Wunsch ist es, dass die Jugendlichen seinen Zeitzeugenbericht weiter tragen werden. „Die historische Wahrheit muss wach gehalten werden“, so Perel. Er macht allerdings auch deutlich, dass er keinen Hass auf die Deutschen hegt: „Ich verzeihe nicht, denn es gibt nichts zu verzeihen. Die deutsche Jugend ist nicht verantwortlich für diese Verbrechen, und Schuld ist nicht erbbar. Allerdings ist es ein erster Schritt gegen Rechtsradikalismus, wenn Jugendliche sich mit diesem Thema beschäftigen und nicht vergessen.“ Die Schüler der Hauptschule waren von der Lesung beeindruckt. „Für mich ist das eine Alternative zum Unterricht, auch wenn die Themen sehr schockierend waren“, sagt der 14-jährige Tim Teufel. Die 16-jährige Sonja Kraft war betroffen: „Ich finde es ‚krass‘, was er erlebt hat. Ich habe viel Traurigkeit in seinem Gesicht gesehen.“
Die Lesung von Salomon Perel war Teil einer Veranstaltungsreihe
anlässlich des 70. Jahrestages der „Reichspogromnacht“ vom 9. November
1938. Am 9. November wird der Künstler Heribert A. Huneke seine
Arbeiten „Threnos“ (Klagelieder) mit Erinnerungen an das Leid verfolgter
Menschen der Nazizeit an der Hauptschule Am Stoppenberg ausstellen und
in Workshops mit den Schülern der Hauptschule erarbeiten. (anch) |
|
Unter der Überschrift "Ihr seid die neuen Zeitzeugen" veröffentlichte die Ruhrwortausgabe Jahrgang 50 vom 29.03.2008 folgenden Artikel: weiter |